„Tage des Wahnsinns“ - Auschwitz-Gedenktag an der Jakob-Grimm-Schule

Dr. Heiner Nuhn zum Auschwitz-Gedenktag an der Jakob-Grimm-Schule

Wie stellt man 80 Jahre nach Kriegsende das Unfassbare der Judenvernichtung im Dritten Reich so dar, dass auch nachfolgende Generationen begreifen, dass es keinen Schlussstrich unter historischen Ereignissen geben kann, deren treibende Kräfte nicht ein für allemal der Vergangenheit angehören? Um genau dies zu tun kehrte der ehemalige Lehrer der Jakob-Grimm-Schule, Dr. Heiner Nuhn, wieder einmal an seine ehemalige Wirkungsstätte in der Braacher Straße in Rotenburg zurück. Auf deren Dachboden hatte er bereits im Jahr 2001 zusammen mit Schülern die „Geschichtswerkstatt“ gegründet. Sein letztes Jahr erschienenes Buch Tage des Wahnsinns: Bebra und Rotenburg als Vorreiter bei den Novemberpogromen 1938 – Und was davor und danach geschah endet bezeichnenderweise mit dem Zitat des Auschwitzüberlebenden Primo Levi: „Es ist geschehen und folglich kann es wieder geschehen.“ Begleitet wurde Herr Nuhn von Pfarrer Bernd Kappes, einem gebürtigen Rotenburger und Studienleiter der evangelischen Akademie in Hofgeismar, sowie seiner Tochter Yolanda. Zusammen stellten Vater und Tochter im Anschluss an Herrn Nuhns Vortrag einen in dessen Buch abgedruckten Brief vor, den Gerda Kappes, die Großmutter von Bernd Kappes, nach den Bebraer Progromen in der Nacht vom 7. auf den 8. November 1938, also bereits kurz vor den von den Nationalsozialisten organisierten deutschlandweiten Novemberprogromen, an ihre Schwiegermutter schrieb. Bernd Kappes‘ Tochter trägt Passagen aus dem Brief der Großmutter Gerda Kappes vor, mit denen sich der Enkel Bernd Kappes in Form eines fiktiven Briefes an seine Großmutter jeweils auseinandersetzt. Im Anschluss kommen Dr. Heiner Nuhn und Bernd Kappes in der Aula der Jakob-Grimm-Schule ins Gespräch mit ihren jungen Zuhörern, Schülern der 12. Jahrgangsstufe. Es werden interessante Fragen gestellt, z.B. zu den von Dr. Nuhn recherchierten lokalen Ereignissen und seinen Quellen. Der Zusatz zum Untertitel seines Buches, „Was davor und danach geschah“ zeigt an, dass es ihm gelingt, wie Kurt Meyer in einer Rezension schreibt, „ausgehend von den Verhältnissen und Ereignissen der Kleinstädte Bebra und Rotenburg an der Fulda, aufzuzeigen, wie sich im gesamten Zeitraum von 1933 bis 1945 die Ausgrenzung und schließlich Ermordung der Juden in Deutschland vollzogen hat. Der Autor geht jedoch mit seinen Recherchen über das Jahr 1945 hinaus. Er schildert den langsamen Wiederaufbau der jüdischen Nachkriegsgemeinde in Bebra, die schwierige und gescheiterte Rückkehr der Juden nach Rotenburg und Bebra. Er macht deutlich, dass die Spruchkammerverfahren nach dem Krieg und die Landgerichtsprozesse von 1946-49 den Opfern vor Ort nicht gerecht geworden sind.“ Zum Anlass des diesjährigen Ausschwitzgedenktages, den auch die Jakob-Grimm-Schule jährlich mit verschiedenen Veranstaltungen begeht, wurde der Schule Dr. Nuhns Buch von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Hersfeld-Rotenburg in mehreren Exemplaren zur Verfügung gestellt in der Hoffnung, dass dieses auch im Geschichtsunterricht Verwendung finden und einen Beitrag dazu leisten wird, die darin z.T. erschütternd ans Licht tretenden finsteren und abgründigen Seiten menschlichen Handelns und Nicht-Handelns zu überwinden.

Thomas Nold
Beauftragter für die Öffentlichkeitsarbeit an der JGS

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